Dass es auch anders geht und man „Realitäten“ durchaus ein Stück weit ausblenden kann – oder sogar muss – gehört zum täglichen Erfahrungskanon des Ruhrgebietsmenschen. Und gerade dieser Haltung wegen verweisen wir hier auf einen, der die profane Wirklichkeit ignorierend beharrlich seiner Idee treu blieb: August Petermann

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Petermanns Polfahrt

Aufgewachsen in Nordhausen beschäftigt sich der junge August schon früh mit Geographie und lässt sich an der Kunstschule in Potsdam zum wissenschaftlichen Kartografen ausbilden. Im Jahre 1845, als Petermann mit gerade mal 23 Jahren nach Edinburgh zieht, bricht der englische Seefahrer und Forscher John Franklin auf der Suche nach einer Nordwestpassage gen Nordpol auf.

Auch Petermann ist vom Nordpol fasziniert, doch anders als der draufgängerische Franklin ist er ein Stubenhocker, der seine Theorie zum Nordpol am Schreibtisch entwickelt.

Seine Zeitgenossen staunen nicht schlecht, als Petermann, dessen nördlichste Reise in der schottische Hauptstadt endet, die Theorie eines eisfreien Polarmeers wissenschaftlich begründet und Karten zeichnet, die beweisen sollen, dass der inzwischen als verschollen geltende Franklin noch am Leben ist.

Es irritiert den Kartografen auch nicht, dass die auf seiner Theorie beruhenden Expeditionen zur Rettung Franklins reihenweise scheitern. Petermann geht von einem offenen, „warmen“ Polarmeer aus, das von einem Packeisgürtel umgeben ist. Seine Theorie wird auch in der Presse kontrovers diskutiert.

Als sich immer mehr einflussreiche Stimmen auf der Insel gegen den preußischen Eroberer der Landkarten richten, zieht August Petermann, der inzwischen in London lebt, 1854 beleidigt nach Gotha.

Auch dort arbeitet er tapfer weiter an seiner Nordpol-Theorie. Auf dem Ersten Deutschen Geographentag 1865 in Frankfurt hält Petermann Vorträge über den Golfstrom, der das Zufrieren des Nordmeeres verhindere, und fordert Gelder für eine erneute Erkundungsfahrt. Mit seiner Hartnäckigkeit gelingt es ihm, zwei Nordpolexpeditionen (1868 und 1869/70) mit seinen Aufträgen und Anweisungen auf den Weg zu bringen, aber auch diese bleiben erfolglos.

Der tragische Heldentod der großen Polarforscher bleibt Petermann ebenfalls versagt. Am 25. September 1878 schießt er sich in seinem Arbeitszimmer eine Kugel in den Kopf. Mit August Petermann stirbt auch die Theorie des offenen Polarmeeres, die Dank Erderwärmung und schmelzender Polkappen demnächst vielleicht ihre Wiedergeburt feiert.
(im)

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