Kulturelle Tiefe!?
So wie das die Massenpicknick auf der gesperrten A40?
Dass in dem Projekt "Bump in Bottrop" eine Menge kulturelles Potenzial steckt, dafür steht ein Name: Gertrud Wirschinger

 


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It's a Saturday night and I feel alright
, so come on, let's dance.

Dass dieser Satz in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen würde, damit hatte Gertrude Wirschinger in ihrer Teeny-Zeit nicht rechnen können. Denn es ist die Zeit des Twists, dem Modetanz der späten 50er und frühen 60er Jahre, bei dem sich die Tanzenden nicht berühren. Ob Walzer, Tango oder Foxtrott, alle Standardtänze waren bis dahin Paartänze, und stets führte der Herr die Dame. Der Twist ist eine Revolution. Er wird in losen Gruppen, von Paaren oder auch einzeln getanzt. Männliche Führungsansprüche sind aufgehoben.

Wenn der Existenzialismus, die Modephilosophie dieser Zeit, vom freien, einzeln in die Welt geworfenen Individuum spricht, so ist der Twist die tänzerische Manifestation dieser Denkrichtung. Der einzelne auf sich selbst bezogene Mensch in der Masse. Das ist der Zeitgeist, in dem der Backfisch Gertrude Wirschinger pubertiert.

Aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnissen und nach einer Ausbildung in Klavier, Flöte, Gitarre und Gesang heiratet sie 1967 mit gerade mal 21 Jahren den Komponisten und Schauspieler Holger Münzer. Zusammen treten sie als Duo Holger&Tjorven auf und begeistern Ende der 60er die Schwabinger Szene mit Folksongs. Sie bringen es sogar bis ins Fernsehen, drei Auftritte im Talentschuppen – unter den damaligen medialen Verhältnissen gewiss ein Grund, stolz zu sein.

Mit der der Acapulcobanjopolka strebt Wirschinger als „Barbi Münzer“ eine Solokarriere an, es folgen weitere Versuche mit der Band Penny Box und Penny Explosion. Erst 1975 gelingt ihr mit der Gruppe Silver Convention der Durchbruch. Ihr größter Soloerfolg wird jedoch der Titel „Lady Bump“ unter dem Pseudonym Penny Mclean. Mit diesem Nummer-1-Hit macht sie den Bump zum Modetanz der Siebziger.

Anders als der Twist ist der Bump eine kulturhistorische Weiterentwicklung. Der Bump ist eine vorsichtige, aber sexuell permissive Annäherung an den Anderen. Während beim Twist die Tanzpartner nicht zugeordnet sind und sich auch nicht berühren, benötigt der Bump einen verlässlichen Partner, der rhythmische Berührungen an Schulter, Hüfte und Po nicht scheut. Der in der Zeit entstandene Begriff Beziehungskiste bekommt vor diesem Hintergrund einen unerwarteten Subtext.

Das im Twist sich widerspiegelnde moderne, auf sich selbst konzentrierte Individuum ohne Bindungswillen wird abgelöst durch Akteure, die gleichberechtigt und partnerschaftlich bumpen.

Umso verwunderlicher ist es, dass das etwa zur gleichen Zeit aufkommende Pogen und Headbanging vielen als subversiv und kulturkritisch erscheint. Während das eine nur eine aggressive Parodie Testosteron geladener Männer auf das sinnliche und lebensbejahende Bumpen ist, entlarvt das Headbanging seinen affirmativen Charakter durch stakkatohaftes Abnicken des Dargebotenen.

Anders der Bump: Insbesondere sein rhythmisches Spiel von Nähe und Distanz ist als Allegorie auf die Konzeption moderner Paarbeziehungen zu sehen, wie sie in den Siebzigern propagiert werden. Männliche Führungsansprüche gibt es nicht. Insofern ist der Bump auch immer noch zeitgemäß.

Gertrud Wirschinger, die heute mit ihrem Mann und zwei erwachsenen Kindern am Starnberger See wohnt, multiplizierte auf musikalische und tänzerische Art die großen gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit.

In ihrer neuen Karriere schreibt Wirschinger unter Ihrem alten Psyeudonym Penny McLean esoterische Bücher. „Das Geheimnis der Schicksalsrhythmen“ ist nur einer von vielen erfolgreichen Titeln, der zeigt, dass in Gertrude Wirschinger noch immer viel Lady Bump steckt.
(im)

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